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Manchmal betritt man ein Theater und verlässt es als jemand, der noch ein paar Stunden zuvor nicht existiert hat. Diese Inszenierung der Schachnovelle war so ein Abend. Nils Strunk steht, sitzt, spielt und singt allein auf der großen Bühne des Burgtheaters und erzählt Stefan Zweigs Schachnovelle: Die Geschichte eines Mannes, dem die Gestapo durch monatelange Isolationshaft den Verstand gebrochen hat, indem sie ihm nichts ließ außer sich selbst.

Er spielt alle Rollen: Den Erzähler, den Industriellen, den autistischen Weltmeister Czentovic und die beiden Ichs des Dr. B., die irgendwann aufgehört haben, miteinander reden zu können. Er sitzt am Klavier, ohne je eine Note gelesen zu haben. Er verschiebt selbst die Bühnenprospekte. Und wenn es vorbei ist, gibt der Saal zehn Minuten Standing Ovations und weiß nicht, wie er aufhören soll.

Die Wette gegen das Naheliegende

Was Strunk und sein kongenialer Textpartner Lukas Schrenk gewählt haben, ist eine Wette gegen das Naheliegende — und sie geht auf. Das Naheliegende wäre gewesen: Dunkel beleuchten, langsam sprechen, Stille dehnen. Stattdessen: Tango, Swing, Jazz, Wiener Walzer, Balkanrhythmen und eine Discokugel, die das Burgtheater zum Glitzern bringt. Auf den ersten Blick ein Affront gegen den Stoff, auf den zweiten seine einzig ehrliche Übersetzung.

Ein Schiff von New York nach Buenos Aires, gefüllt mit Emigranten — und das Leben geht weiter, die Musik spielt, man lacht, man spielt Schach. Strunk und Schrenk haben verstanden, dass Leichtigkeit keine Distanzierung ist. Sie ist die Form, in der das Unerträgliche überhaupt erst spürbar wird.

Zwei Stunden, kein Netz

Ein Monolog über zwei Stunden, ohne Pause, auf der großen Bühne des Burgtheaters vergibt wenig. Strunk wechselt Figuren so, als würde er nur den Atem anhalten und wieder loslassen. Die Differenzierung der Charaktere, von der kehlkopftiefen Stumpfheit Czentovics bis zur nervösen Zerstreutheit Dr. B.’s, geschieht ohne Requisit, ohne Maske, fast ohne Geste. Was bleibt, ist die Stimme und der Körper — und beides reicht.

Einzig die englischsprachigen Songs sind an zwei, drei Stellen einen Tick zu viel. Sie illustrieren, wo die Inszenierung sonst verdichtet, und treten kurz aus dem Fluss heraus, den Strunk mit solcher Sorgfalt aufgebaut hat. Ähnliches gilt für das Bühnenbild: Maximilian Lindners Leinwände und Projektionen tun was sie sollen, erklären aber wo sie schweigen dürften. Die einzigen Momente, in denen man spürt, dass hier auf Nummer sicher gegangen wurde.

Was bleibt, ist jedoch vor allem eines: Wenn Dr. B.’s Raserei beginnt, wenn der sanfte Melodiebogen ohne Vorwarnung in eine wilde, zersplitterte Passage kippt und der Saal körperlich begreift, was Isolation mit einem Menschen macht. Strunk stemmt diesen Moment nicht — er wird von ihm getragen.

Zurecht ausverkauft, zurecht gelobt, zurecht zehn Minuten Applaus. Strunk und Schrenk haben kein schwieriges Stück zugänglich gemacht — das wäre zu wenig gesagt. Sie haben gezeigt, dass das Gewicht eines Stoffs und die Freude am Theater einander nicht ausschließen, sondern brauchen. Wer das bezweifelt, möge hingehen.


★★★★½

Schachnovelle nach Stefan Zweig Burgtheater Wien, 25. Jänner 2026 Regie & Musik: Nils Strunk · Songtexte & Textbearbeitung: Lukas Schrenk · Bühnenbild: Maximilian Lindner · Mit Martin Ptak, Hans Wagner, Jörg Mikula Bild: burgtheater.at // Tommy Hetzel

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