“Jedermann reloaded am Burgtheater ist ein Stück, das man niemandem empfehlen würde, der in seinem Leben nur einmal ins Theater geht — er würde ein falsches Bild von diesem Haus bekommen. Und doch ist es ein Stück, das man gesehen haben sollte, bevor man stirbt.”
Philipp Hochmairs Jedermann Reloaded gehört zu einer speziellen Sorte von Theater und fordert alles ein, was die Bühne des Hauses am Ring zu bieten hat. Hugo von Hofmannsthals hundert Jahre altes Mysterienspiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes, verwandelt in ein apokalyptisches Sprech-Konzert. Getrieben von Gitarrenriffs und experimentellen Sounds der Band Die Elektrohand Gottes.
Hochmair ist Jedermann. Und alle anderen auch. Mit zwei Mikrofonen — eines für Jedermann, eines für die Welt — spielt er fast den gesamten Abend allein: den Büßer, den Rockstar, den Sterbenden, Gott.
Das Konzept trägt, weil es brennt
Was 2013 als Experiment am Hamburger Thalia Theater begann, ist nach mehr als zehn Jahren kein Experiment mehr, sondern eine reife, sich stetig weiterentwickelnde Arbeit. Das merkt man. Hochmair hat den Text so tief verinnerlicht, dass er ihn nicht mehr spielt, sondern bewohnt. Die Elektrohand Gottes liefert keinen Soundtrack, sondern eine zweite Stimme — mal treibend, mal leise drohend. Das Konzept eines Rockkonzerts als Mysterienspiel funktioniert, weil es nicht aufgesetzt ist: Die Energie ist echt, die Erschöpfung am Ende ist echt, und die Frage, die Hofmannsthal stellte, brennt im Jahr 2026 nicht weniger als 1911.
Zweisamkeit findet Hochmair in den Szenen mit Elena Schwarz, die an der Burg die Buhlschaft gibt und eine deutlich wildere, durchtriebenere und auch offensivere Version der Geliebten des reichen Mannes ist als sonst oft. Oftmals in gemeinsamen Szenen nicht so stimmgewaltig auf der großen Bühne wie der Jedermann, jedoch genau so einnehmend und oftmals sogar verrückter als Hochmair.
Wo die Inszenierung gelegentlich zurückrutscht, ist dort, wo sie dem Original zu treu bleibt. Manche Passagen tragen nicht notwendigerweise das Gewicht der altbackenen Verssprache, ohne dass die Regie dagegenhält. Hier hätte man mutiger vom Text abweichen dürfen, um den Abend durchgängig auf der Temperatur zu halten, die Hochmair ihm sonst gibt.
Ein Mann, alle Rollen, manchmal zu viel
Hochmair brilliert durch Präzision im Chaos. Der Wechsel zwischen den Figuren — von der schüchternen Zartheit eines sterbenden Mannes bis zur manischen Losgelöstheit des Rockstars — geschieht in Sekunden, bestimmend, einnehmend, fast hypnotisch. Das Publikum kommt nicht los, weil es nicht loskommen darf. An manchen Stellen freilich zu laut — die Dynamik nach oben wird bisweilen überstrapaziert, während nach unten, in manch sich ziehenden Passagen, noch Spielraum für Dynamik gewesen wäre. Die Skala hätte an beiden Enden etwas Korrektur verdient.
Bühnenbild und Kostüm erfüllen ihren Zweck ohne zu glänzen: Das Gewand des reichen Mannes funktional, konzentriert auf Hochmair, nie ablenkend aber schrill und passend für diese Inszenierung. Gadgets und Prunk klug eingesetzt und pointiert für Effekte. Einzig das Bühnenbild gibt sich zurückhaltend, will zu wenig provozieren. Hier wäre Spielraum für mehr Mystik oder auch provokantere Hintergründe da.
Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der seit über einem Jahrzehnt denselben Text spielt und ihn noch immer nicht losgeworden ist — weil der Text ihn nicht loslässt. Wenn Hochmair am Ende stirbt, sitzt man nicht und denkt: Gute Vorstellung. Man sitzt und denkt: Was bleibt von meinem Leben übrig, wenn es ans Sterben geht?
Standing Ovations für einen “Schocker”. Absolut untypisch für das Burgtheater, absolut verdient für Philipp Hochmair. Ein Stück, das durch den Protagonisten Hochmair zum unvergleichlichen Erlebnis wird, auch wenn es in anderer Besetzung nicht replizierbar wäre. Nichts für leichte Gemüter — aber für jene, die wissen wollen, wozu Theater fähig ist.
★★★★
Jedermann Reloaded von Philipp Hochmair nach Hugo von Hofmannsthal Burgtheater Wien, 15. Jänner 2026 Mit: Philipp Hochmair & Die Elektrohand Gottes sowie Elena Schwarz als Buhlschaft Bild: Heike Blenk