Der kürzeste König der Weltgeschichte
Es hat ihn wirklich gegeben, diesen Mann, den die Geschichte so gründlich vergessen hat, als hätte sie es mit Absicht getan. Louis Antoine d’Artois, Herzog von Angoulême oder auch Ludwig XIX., König von Frankreich für exakt zwanzig Minuten, bevor ihn Louis Philippe 1830 höflich aber bestimmt vom Thron schob. Sein Leben war eines im ewigen Dazwischen: Ancien Régime, Revolution, Napoleon, Restauration, Julimonarchie, Exil. Immer dabei, nie ganz angekommen. Kurz vor seinem Tod im österreichischen Görz schrieb er seine Memoiren — und verbrannte sie. Was wird darin gestanden haben? Lukas Schrenk und Nils Strunk haben sich diese Frage gestellt und daraus einen Abend gebaut, der sich anfühlt wie ein gut gehütetes Geheimnis, das endlich jemand ausspricht.
Und das ist genau der Witz. Und die Tragik. Und alles dazwischen.
Das Duo und sein Frühwerk
Mit Zauberflöte, Schachnovelle und Gullivers Reisen haben Strunk und Schrenk am Burgtheater ein Format gefunden, das es so nicht gab. Ludwig XIX. ist das Frühwerk dazu, uraufgeführt 2024 in Wiesbaden, nun endlich in Wien. Der feine Unterschied: Diesmal steht Schrenk auf der Bühne, Strunk sitzt am Klavier, flankiert von Jörg Mikula, Bernhard Moshammer und Hans Wagner. Die getauschten Rollen sind kein Experiment, sondern Beweis: Das Konzept des Duos ist größer als jede einzelne Besetzung.
Schrenk trägt und glänzt
Schrenk spielt alle — Ludwig selbst, Napoleon, Wellington, den Hofstaat, die Revolutionäre — in einem Frage-Antwort-Spiel, das man sonst nur aus Romanen kennt, aus jenen Ich-Erzählern die plötzlich antworten als wären die anderen auch im Raum. Wo Strunk in der Schachnovelle durch Zerrissenheit und Intensität zieht, bringt Schrenk etwas Leichteres mit, Wärmeres — ein Gespür für die stille Komik einer Figur, die sich selbst nie ganz ernst nimmt und gerade deshalb nicht loslässt. Als technische Probleme auftreten, greift er zur improvisierten Musik, lächelt, und weiter geht es. Souveränität, die man nicht spielen kann, wenn man sie nicht hat.
Aufklärerisch durch die Hintertür
So oft wurde versucht, der Geschichte der Mächtigen eine Geschichte von unten entgegenzusetzen — Strunk und Schrenks Gegenentwurf ist ironischer, zärtlicher: eine Geschichte von oben, aber aus der Perspektive jener, die am Obensein immer wieder gehindert wurden. Ludwigs absolutistische Ansprüche werden genau dann am schärfsten als das entlarvt, was sie sind, wenn Schrenk sie sanft und treuherzig vorträgt. Barocke Klänge wechseln mit französischen Chansons, Komödie kippt unvermittelt in Poesie, und der Saal lacht und hält inne und lacht wieder.
Am Ende sitzt man und denkt an einen Mann, der allein in Görz starb, seine Erinnerungen verbrannte und dessen Geschichte vergessen wurde. Strunk und Schrenk haben sie ihm zurückgegeben. Zehn Minuten Standing Ovations. Zurecht.
★★★★½
Ludwig XIX. — König für zwanzig Minuten Theater Akzent Wien, 26. März 2026 Konzept & Inszenierung: Lukas Schrenk, Nils Strunk, Lara Regula · Mit: Lukas Schrenk · Live-Musik: Nils Strunk, Jörg Mikula, Bernhard Moshammer, Hans Wagner Bild: Volker Schmidt